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  • 29. Juli 2019

    Kein Kinderspiel

    Stefan Otzipka in dem Kindergarten „Kinderkiste“

    Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser? Tilda, Sinja und Thea haben ihre ganz eigenen Regeln für das Spiel. Weil Stefan Otzipka nicht von oben auf die Kinder herabgucken will, fordert er seinen Knien einiges ab.

    Am Sandkastensitzen, Kaffee trinken und ab und zu mal ein Pflaster auf aufgeschürfte Knie kleben –so etwa stellen sich viele den Beruf des Erziehers vor. Oder vielmehr: der Erzieherin. Denn Männer entscheiden sich selten dafür. Warum das so ist–und alles andere ganz anders–weiß Stefan Otzipka. Der 31-Jährige hat seinen Traumjob über Umwege gefunden. (Text: Sara Reinke, Foto: Werner Kaiser)

    Der Satz, der dieser Geschichte einen Nachhall geben wird, den sie eigentlich nicht haben sollte, fällt erst am Ende des Gesprächs. Bis dahin hätte es ein Text werden können übereinen jungen Mann, der nach seinem Realschulabschluss die eine oder andere Warteschleife gedreht hat. Im übertragenen Sinn und auch ganz wörtlich. Ein bisschen abgehangen, ein paar Gelegenheitsjobs gemacht, mit 21 schließlich den Personenbeförderungsschein. Und der dann Taxi gefahren ist, acht Jahre lang. Einfach, weil es naheliegend war, wo doch seine Eltern ein Taxiunternehmen führen. „Das war auch eine gute Sache“, sagt der junge Mann, der Stefan Otzipka heißt. „Ich habe viel Menschenkenntnis gesammelt in dieser Zeit. Im Taxi fährt man jeden, vom Arbeitslosen bis zum Oberarzt“. Wenn man denn fährt. Denn Taxifahrer zu sein heißt auch: sehr lange Phasen mit Warten zu verbringen. Mit Rumstehen, Nichtstun, ziellos durch die Gegend fahren. „Das ist einfach Zeit, die verloren ist. Und die man nie wieder zurückbekommt.“

    „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“ krähen Sinja und Thea im Chor. „Fünf Meter tief!“ ruft Tilda und dreht sich so circa fünfmal, es können auch vier oder sieben oder neun Male sein, um die eigene Achse. Das mit dem Zählen klappt noch nicht so. „Hab’ dich gesehen!“, ruft sie dann und zeigt auf Otzipka. Der spielt das Spiel mit, läuft mit Emilie und Thea vor und verharrt auf der Stelle, sobald Tilda ihre schwindelerregende Kreiselbewegung beendet hat. Das Ganze in einer anatomisch herausfordernden Hockstellung, um auf Augenhöhe mit den Kindern zu sein. „Echt –und jetzt? Bin ich raus?“–„Neeeee!“,sagt Tilda großzügig, „du musst nur einen Schrittzurückmachen.“

    Nicht nur einen, gleich eine ganze Menge Schritte hat Otzipka zurück gemacht, als er sich im Alter von 29 Jahren entschied, nochmal ganz neu durchzustarten. Auf die Berufsschule zu gehen, mit lauter 16- oder 17-Jährigen. Schulgeld zu bezahlen, statt Geld zu verdienen, Praktika zu machen, statt den elterlichen Betrieb mit seinem festen Kundenstamm zu übernehmen. Ein junger Mensch, der sich selbst als Spätzünder bezeichnet, dann aber doch die Kurve kriegt. Das hätte die Geschichte sein können. Dass er ein Mann ist und der Beruf, für den er sich entschieden hat, ganz früher mal „Wärterin“ hieß oder „Bewahrerin“, dann „Kindergärtnerin“ und erst seit Einführung der Bezeichnung „Erzieher“ überhaupt eine männliche Form vorsieht, das alles hätte gar keine große Rolle spielen müssen. Doch es ist im Jahr 2019 noch immer nicht möglich, eine Geschichte zu erzählen über einen Mann, der Erzieher werden will, ohne genau das zum Thema zu machen. Ein Mann! Erzieher? Das ist keine Selbstverständlichkeit, über die man einfach hinweggehen kann. Man muss es betonen, man muss es erklären, sogar rechtfertigen muss man es. Vor allem, wenn man selbst dieser Mann ist.

    Während des Gesprächs im schattigen Hinterhof der Kinderkiste in der Körnerstraße, huschen immer wieder Kinder vorbei ins Haus. Es ist ein heißer Sommertag. Hinten am Klettergerüst haben sie eine Matschpfütze angelegt, in der pladdern sie rum. Zwischendurch hat mal einer Durst oder muss Pipi, dann kommen sie vorbeigeflitzt. Von oben bis unten schlammbesudelt–und nackt. „Was machst du da, Stefan?“ –„Ich rede mit der Frau von der Zeitung.“ – „Und der da?“ –„Das ist der Fotograf, der macht Bilder von mir.“ – „Kommen wir auch in die Zeitung?“ –„Nein, das geht leider nicht. Ihr habt ja gar nichts an.“

    Es ist nicht Otzipka, der diesen einen Satz sagt, der dem Gespräch die Leichtigkeit nimmt. Es ist David Schlotter, der ihn ausspricht, Leiter der Kinderkiste, in der Otzipka während seines nun ausklingenden zweiten Ausbildungsjahrs Praxiserfahrung gesammelt hat. Schlotter ist selbst auch Quereinsteiger in den Beruf, er hat mal Orthopädieschuhmacher gelernt und dann umgeschult. Vor zehn Jahren war das. Gerade mal drei, vielleicht vier Männer saßen damals in seiner Berufsschulklasse, heute sind es im Schnitt doppelt so viele. Aber immer noch nur ein Drittel der Auszubildenden im Erzieherberuf insgesamt. Das hat mit den Verdienstmöglichkeiten zu tun und mit dem Ansehen. Und eben mit diesem einen Satz. Der lautet: „Als Mann muss man sich schützen in diesem Beruf.“ Man braucht einen Moment, um die Formulierung in ihrer vollen Bedeutung zu erfassen. Um zu erkennen, wie traurig es eigentlich ist, was Schlotter da gerade in Worte gefasst hat. Was es über unsere Gesellschaft sagt. In dieser Zeit redet der42-Jährige weiter. Er spricht von gläsernen Türen zum Wickelraum und von Kissen, die man beim Kuscheln zwischen Kind und eigenen Körper packen soll, um nur ja keinen komischen Eindruck zu erwecken. So hat er es bei einer Fortbildung gelernt. Frauen lernen das nicht. Ein liebevoller Umgang von Frauen mit Kindern gilt als „natürlich“, bei Männern sieht man lieber zweimal hin. Erzieherin, so glauben viele, kann jede werden. Aber nicht jeder Erzieher. Und wenn sich doch mal einer findet, heißt es schnell: Toll, dann kann der ja mit den Jungs Fußball spielen. Oder mal ein Baumhaus bauen. „Und genau das ist falsch“, sagt Alois-Ernst Ehbrecht, seit 28 Jahren Schulleiter der vom Caritasverband getragenen Elisabeth-von-Rantzau-Schule, die auch Otzipka besucht. Gemischte Erzieherteams sollen sich in ihren unterschiedlichen Rollenbildern ergänzen, aber keine Gegenpole bilden. Zärtlichkeit und Geborgenheit vermitteln –das können auch Männer.

    „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“ – „1000Meter tief!“ Diesmal ist Thea der Fischer. Mit drei Hüpfern schafft sie eine 360-Grad-Wende auf der Stelle, das muss reichen, um die 1000 Meter zu symbolisieren. Doch so schnell kommt keiner der Mitspieler wieder zum Stillstand. „Ihr habt euch alle noch bewegt!“ Thea freut sich. „Alle zurück!“ – „Guckst du nur auf die Füße, oder auf den ganzen Körper?“ fragt Otzipka. „Guck mal, wenn ich nur den Oberkörper bewege, gehe ich ja nichtvorwärts.“

    Soziale Interaktionen beobachten, das ist ein wichtiger Unterrichtsinhalt in der Erzieher-Ausbildung. Genau zu sehen, was die Kinder machen, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen. Und zu erkennen, was sie für den nächsten Entwicklungsschritt brauchen. Otzipka ist gut darin, sagt Kinderkisten-Leiter Schlotter. „Da sieht man große Unterschiede bei den Auszubildenden.“ Schlotter glaubt, dass das höhere Alter und die sehr bewusste Entscheidung für den Beruf sich bei dem 31jährigen Otzipka positiv bemerkbar machen. Wer nur aus Verlegenheit Erzieher werden will, kommt meistens nicht weit. Denn, egal ob Frau oder Mann, am Ende ist eben nicht jeder für diesen Beruf geeignet, führt Ausbilder Ehbrecht aus. „Die Abbrecherquoten haben zugenommen. Durchschnittlich drei oder vier pro Klasse hören in den ersten zwei Ausbildungsjahren wieder auf.“ Oft auf Anraten der Berufsschullehrer. Die häufigsten Probleme: mangelnde Konfliktfähigkeit und private Schwierigkeiten, die einer Konzentration auf den Beruf im Wegestehen. Und viele unterschätzen die Anforderungen auch. „Mit der Kaffeetasse in der Hand am Rand stehen, wenn die Kinder spielen –das ist es nicht.“ Dass Otzipka merkte, dass ihm die pädagogische Arbeit liegt, kam nicht von einem Tag auf den anderen. Es kam mit Pia. Im November 2012 wurde seine Tochtergeboren– und stellte den damals 24-Jährigen vor völlig neue Aufgaben. „Ich hatte vorher nie was mit Kindern zu tun.“ Als Pia in den Kindergarten in der Arneken-Galerie kam, brachte Otzipka sie jeden Morgen mit dem Taxi hin und holte sie auch wieder ab. Als einer der wenigen Väterwarerauch bei fast jedem Fest dabei. Ihm gefiel die Atmosphäre, das Gewusel, die Fröhlichkeit. Erzieher, wurde ihm bewusst, tragen die Verantwortung für das Wichtigste, das eine Gesellschaft zu bieten hat: ihreKinder. Ihre Zukunft. „Und gleichzeitig habe ich mir gedacht: Wer weiß, ob wir in zehn Jahren noch Taxifahrer brauchen. Vielleicht fahren die Autos dann längst von selbst.“ Er aber würde noch rund 40 Jahre arbeiten müssen.

    Thea, Tilda, Sinja und Emilie backen jetzt Matschkuchen. „Ich mache noch Zimt oben drauf“, sagt Tilda und streut etwas trockenen Sand in den roten Emaillekochtopf. Doch binnen Sekunden sieht der Zimt genauso aus, wie der Rest vom Kuchen. „Weißt du, warum?“, fragt Otzipka. „Weil es nass ist“, antwortet Tilda. – „Genau. Der Sand saugt sich mit Wasser voll und dann wird er dunkel.“

    Naturexperimente und Werken, das sind die Dinge, die Otzipka besonders gern macht. Vor Kurzem musste er für seine Ausbildung ein komplettes Tagesprogramm ausarbeiten und zeigen, dass er in der Lage ist, eine Gruppe anzuleiten. „Das hat Spaß gemacht, aber es war auch ganz schön anstrengend.“ Die Eltern hier in der Kinderkiste haben Otzipka von Vorbehalten nichts spüren lassen. Vielleicht liegt es am Einzugsgebiet, vielleicht daran, dass Leiter Schlotter hier schon in doppeltem Sinn Erziehungsarbeit geleistet hat. Nach der Sommerpause wird Otzipka in eine andere Einrichtung wechseln –welche, das wird sich erst noch entscheiden.

    Zeit zum Mittagessen. Otzipka steht auf und klopft sich den Sand von der Hose. Emilie greift nach seiner Hand. Ein vielleicht dreijähriger Junge kommt angerannt und umklammert Otzipkas Oberschenkel. Der löst die kleinen Ärmchen behutsam wieder von seinem Hosenbein. „Lauf schonmal vor, wir kommen nach.“

    Man kann als Erzieher nicht viel Geld verdienen. 2200 Euro brutto für eine Vollzeitstelle reichen kaum, um eine Familie zu ernähren. 500 bis600 Euro mehr hielte Ausbilder Ehbrecht für angemessen. Etwas besser sind die Verdienstmöglichkeiten in der Altenhilfe oder den sogenannten begleitenden Diensten, wo auch nachts und an den Wochenenden gearbeitet wird. Auch für diese Bereiche qualifiziert die insgesamt vierjährige Ausbildung zum Erzieher, die mit einem Meisterabschluss endet. Otzipka hat in der vergangenen Woche den ersten Teil davon geschafft. Staatlich geprüfter sozialpädagogischer Assistent darf er sich nun nennen. Sein erster Berufsabschluss überhaupt. Ab Mitte August folgt die Fachschule zum Erzieher – nochmal zwei Jahre. Doch Otzipka denkt schon weiter: „Mit dem Abschluss erwerbe ich die Fachhochschulreife–vielleicht studiere ich dann noch.“ Erziehungswissenschaften kämen infrage oder auch der Sozialwirt Management und Leitung, mit dem er zum Beispiel in Schlotters Fußstapfen treten und weiterhin im Kindergarten arbeiten könnte. Sechs Jahre alt ist Otzipkas Tochter Pia jetzt, so alt wie die ältesten Kinder in der Kinderkiste. Sie wird in die Schule kommen, ein Teenager werden, irgendwann erwachsen sein. Gut möglich, dass ihr Vater dann noch immer Matschkuchen backt. Aber dass er sich dafür vielleicht bis dahin nicht mehr rechtfertigen muss.

    (Der Text erschien am 13.07.2019 in der Hildesheimer-Allgemeinen Zeitung. Text: Sara Reinke, Foto: Werner Kaiser.)

    In: Pressemitteilungen